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Escher, Karl: Die bunte Schüssel
ISBN 3-925191-55-0 (Wiederveröffentlicht 1988)
64 Seiten, 12 Abb., Kt., EUR 6,20

Der Novellist Karl Escher, "einer der ersten Gestalter der modernen Kurzgeschichte" (Der Tagesspiegel), von 1914-1933 Theaterkritiker und Redakteur beim Feuilleton der Berliner Morgenpost, gehört zu den 'verbrannten Dichtern'.
Der vorliegende Band wurde 1920 zum ersten Mal veröffentlicht. Die zwölf darin enthaltenen Erzählungen reflektieren das Bürgertum nach dem 1. Weltkrieg. Mit viel Witz werden humorige Begebenheiten erzählt, die zum überwiegenden Teil in und um Berlin spielen. Menschen, den Unbillen des Schicksals ausgeliefert, in ihrem Verlangen nach Harmonie und Besitz, werden liebevoll konterfeit, wobei auch Egoismen und Launen in den mitmenschlichen Beziehungen nicht zu kurz kommen. Ob es sich um eine Motorbootsfahrt mit Handikaps auf der Oberspree handelt, oder Emil sich nicht entscheiden kann, ob er sich verloben soll, ein schönes Mädchen gerettet wird oder ein berühmter Schlagerdichter in eine prekäre Situation gerät, immer ist der Autor augenzwinkernd dabei. Oft als 'Ich-Person', bleibt er dicht am Menschen, aber darin einfühlsam. So werden die Figuren gerade durch ihre menschlichen Schwächen sympathisch.
Ein Buch, das intelligent unterhalten will.

(Siehe auch: Neela Richter: „Dem Heute geben, was des Heute ist.“ Karl Escher, Journalist und Schriftsteller. Ein Leben)

Leseprobe

Ein Walzerlied
Wer der Doktor Biema ist, darüber ist gar nicht zu reden; den kennen alle. Der Doktor Biema, der die reizenden Lieder in den beliebtesten Operetten gemacht hat, die alle Welt summt. “Die Frauen, die sind unsre Sterne” und “Gott im Himmel, mach mich reich” und wie das hübsche Zeugs immer heißen mag. Über den Doktor Biema ist weiter nicht zu reden, eher schon über seine Frau, die ein kleiner Ausbund an Schönheit und Teufelei ist, schwarzhaarig und blauäugig, ein himmlischer Zusammenklang! Indes, in dieser Geschichte tut sie etwas, was sie im Leben sonst nie tut, sie tritt ganz in den Hintergrund. Immerhin aber ist sie vorhanden, und es ist wichtig, sich von Zeit zu Zeit ihrer zu erinnern.
Der Doktor Biema hatte sich mit seiner Frau gezankt. Das tun noch ganz andere Menschen, die keine wirklichen Dichter sind. Erbittert und erbost war er aus seiner Wohnung gelaufen und hatte sich am Nollendorfplatz in die Hochbahn gesetzt. Am Hausvogteiplatz stieg er aus. Warum – das wußte er selber nicht. Dann schlängelte er sich durch die sonnenwarmen Straßen, ging eine Weile gradeaus, ohne viel auf den Weg zu achten, und blieb dann aus Langeweile vor einem Schaufenster stehen. Da lagen ein paar hingehauchte, schimmernde lila und erdbeerfarbene Damenkleider, lagen leicht auf zierliche Goldstühle geworfen, und die roten und lila Töne schillerten köstlich in zarten und vielfach gebrochenen Wellen.
Jeder andere, wäre er der Mann der Frau Doktor Biema gewesen, hätte sich diese Frau im Geiste vorgestellt, angetan und geschmückt mit den seidigen Wellen. Doktor Biema nicht. Ihm fiel vielmehr sofort ein Refrain für ein Walzerlied ein, ungefähr so:
          “Die Seide, so lila, die Spitzen so fein,
          Das lispelt und flüstert und wispert,
          Du Schönste in Lila, du Schönste, sei mein ...”
Ja, und auf “wispert” ist es verdammt schwer, ein Reimwort zu finden. Das merkte Doktor Biema; und wie er da nun im Anblick der seidenen Herrlichkeiten versunken stand und ernsthaft die letzte Verszeile ausbrütete, kam auf einmal ein schwarzgekleidetes Fräulein aus der Drehtür auf ihn zu, redete ihn an und sagte:
“Ach bitte, die gnädige Frau läßt den gnädigen Herrn bitten, hereinzukommen”.
“Was?” brummte der gestörte Dichter ganz dumm.
Aber er folgte dem kleinen Fräulein doch in den hohen, spiegelblinkernden Verkaufssaal, ging langsam über weiche Teppiche eine breite Treppe hinauf, immer noch in Gedanken halb mit seinem Walzerlied und halb mit seiner so plötzlich aufgetauchten Frau beschäftigt ... und dann sah er sich einer Dame gegenüber, die von zwei schwarzgekleideten Helferinnen vor einem hohen Spiegel hin und her gedreht wurde. Die Dame hatte ein meergrünes, etwas kühnes Gewand an, das von einem wallenden Schleier umflossen war, der silbrig-grün über dem Gewande wehte. So eifrig war sie in ihren Anblick versunken, daß sie Doktor Biemas Kommen gar nicht bemerkt hatte. Erst eine der schwarzgekleideten Helferinnen machte sie aufmerksam.
“Gnädige Frau, der Herr Gemahl.”
Sie sahen sich an, die Grüne und der Dichter.
Nie hatten sie sich je zuvor gesehen!
Aber alle beide hatten sofort den gleichen Gedanken: hier mußten sie verheiratet sein; die Damen im Geschäft durften nicht merken, daß durch ein peinliches Mißverständnis der Dichter an Stelle des Ehegatten zur Kleiderwahl hergeholt war!
Und sofort sagte die tapfere Dame vor dem Spiegel:
“Ist das nicht ein bezauberndes Kleid?”
Doktor Biema wollte ohne weiteres zustimmen. Aber ehe er noch ein Wort sprechen konnte, tauchte in seinem Dichterhirn eine köstliche Operettenszene auf, und die Lust, sie hier zu proben, ging mit ihm durch.
“Hübsch findest du das?” sagte er und zog die Augenbrauen prüfend zusammen. “Das Grüne! Aber ich bitte dich! Du siehst darin ja wie eine Seenixe aus!”
Die Dame zuckte zusammen, wollte sich mit Recht diesen vertraulichen Ton und diese unerhörte Kritik verbitten, die wirklich nicht am Platze war, – aber sie besann sich schnell.
“Nun gut”, sagt sie, “dann werde ich morgen etwas anderes aussuchen”.
“Aber nein”, rief der Doktor Biema aus – so schnell war die Szene nicht zu beenden – “wir sind nun einmal hier, meine liebe – –, meine liebe Klara, probier' du ruhig etwas anderes an!”
“Oh, wir haben noch reizende Sachen für die gnädige Frau”, sagte eine der Helferinnen schnell und huschte fort. Die Dame im grünen Seidenkleid warf dem Dichter einen Blick zu, der nicht gerade gütig genannt werden kann.
Und im Nu lagen zierliche Wunderwerke aus weicher Seide und zärtlichem Samt und schillerndem Flitter vor ihnen ausgebreitet. Doktor Biema betrachtete die Köstlichkeiten mit Andacht; und mit Andacht die schöne, wütende Frau, für die er ein festliches Gewand aussuchen sollte. Und er fand eins. Lichtblau mit Brüsseler Spitzen! Herrlich war es. Die fremde Dame mußte in seine Begeisterung einstimmen. Oh, er hatte schon Geschmack, dieser aufdringliche Herr!
“Ja, das nehme ich”.
“Wollen die gnädige Frau es nicht erst einmal überziehen?” fragte eine Helferin.
Sie sah den Doktor Biema bittend an. Aber – der Operettendichter! – konnte nicht auf die weitere Entwicklung des großartigen Aktes verzichten.
“Natürlich”, sagte er, “es werden wohl noch Änderungen nötig sein”.
“Gut”, flüsterte sie, und ließ sich in eine Zelle führen. Ein schwerer Vorhang wurde zugezogen ...
Es dauerte eine Weile, bis sie wiederkam. Eine Viertelstunde fast; und diese Viertelstunde lang saß Doktor Biema still in einem weichen Sessel und lachte leise vor sich hin. Die Viertelstunde lang.
Und dann kam sie hinter dem Vorhang vor.
Bezaubernd!
Doktor Biema bedauerte aufs Lebhafteste, daß er hier in einem Kaufhaus und nicht auf einer Operettenbühne war; er hätte in diesem Falle seinen Empfindungen einen weit ungenierteren Ausdruck geben können, zumindest hätte er jetzt sein Walzerlied geschmettert: “Du Schönste, sei mein! ...” Aber hier blieb ihm nichts anderes übrig, als leise die Brüsseler Spitzen zu streicheln.
“Das nehmen wir”, sagte er fest und in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.
Sie nickte.
Und wieder verschwand sie in der Zelle hinter den Vorhang, wieder verging eine Viertelstunde, und wieder kam sie hervor. Jetzt trug sie ein enganliegendes, dunkelblaues Straßenkostüm. Ein merkwürdiges Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel.
Der Doktor Biema sah`s und dachte “Hallo!”
Sacht nahm er ihren Arm und führte sie die Treppe hinab, die beiden Helferinnen folgten; die eine trug das neue Gewand vorsichtig auf beiden Händen. Die fremde Frau und der Doktor Biema sprachen kein Wort. Was sollten sie jetzt reden? Aber – als sie bei der Kasse vorbeikamen, sagte die Dame:
“Willst du es nicht gleich bezahlen?”
“Hallo”, dachte der Dichter wieder, aber er antwortete: “Gewiß”. Und keiner konnte merken, daß er erschrak.
Das war ihr Trumpf gewesen!
Er holte sein Scheckbuch hervor und füllte einen Zettel mit einer recht hübschen Summe aus.
“Wohin sollen wir es schicken?” fragte die Dame an der Kasse.
Jetzt zuckten Doktor Biemas Mundwinkel. Schnell rief er aus: “Kleiststraße 203, Erste; Frau Doktor Biema!”
Da dachte sie: “Hallo!” Und alles Lächeln war aus Ihrem Angesicht verweht ...
Sie gingen fort. Vor der Drehtür blieb der Dichter stehen und nahm den Hut ab.
“Gestatten, gnädige Frau”, murmelte er korrekt.
Sie schüttelte den Kopf.
“Scheusal”, zischte sie; und dann ebenso leise: “Dort drüben steht mein Mann!” Und: “Immer ist er wo anders, als er sein soll ...”
Der Dichter verstand und ging schnell weiter ...
Wenige Stunden später fiel ihm seine schwarzhaarige blauäugige Frau um den Hals. Aller Streit war vergeben und vergessen! Ihr reumütiger Gatte hatte ihr doch zur Versöhnung das schönste Kleid von Europa ins Haus schicken lassen!