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Szykownik, René: Mit einem Mal war der Sommer vorbei (Erzählungen)
ISBN 3-89693-168-7 (05/2001)
120 Seiten, Ebr, EUR 13,50

René Szykownik, Jahrgang 1970, vermag es, seine scharfe Beobachtungsgabe in eine präzise Sprache umzusetzen, die bewirkt, daß sich das innere Auge des Lesers wie durch ein Mikroskop auf die sich darstellenden Ereignisse senkt und deren Mikrokosmos detailliert wahrnimmt.
Dabei begegnet er den von ihm geschilderten Menschen nicht distanziert, sondern voll Anteilnahme, beschreibt sie weniger, als daß er sie selber sprechen läßt und in Dialogen zu ihnen findet.
Dreizehn sehr eindringliche Erzählungen, die den aufmerksamen Leser auch einen Teil seiner eigenen Gegenwart reflektieren lassen.

Inhalt

Mit einem Mal war der Sommer vorbei
Der weiße Hirsch
Die Heimkehr
Ein kurzes Leben
Fischsaison
Das Fahrrad
Lachen & vergessen
Das Flugticket
Der Mann mit dem Glasauge
Die Marmortreppe
Sommerregen
Der Ruf der Wildgänse
Die Auszeichnung

Leseprobe

Sommerregen
Es war längst vier vorbei, als Grünberg durch die Küchentür ins Freie trat. Mit einer Schüssel in der einen und einem Eimer in der anderen Hand, lief er quer über den dunklen Hof.
Eine streunende Katze, die um die Mülltonnen strich, duckte sich und verschwand lautlos in einer schattigen Ecke. Grünberg leerte den Eimer in eine Tonne und warf die Fleischreste, die er den Abend über in einer Schüssel gesammelt hatte auf den Boden. Er lehnte sich an die Hauswand und atmete tief durch. Lautlos huschte die Katze im Schatten der Hofmauern an ihm vorüber.
Er trug die Behältnisse ins Haus zurück, verstaute sie an ihrem Platz und trat wieder ins Freie. Er zog die Tür hinter sich zu, schloß ab und ließ den Schlüssel in die Tasche gleiten, wo er raschelnd auf ein paar Scheine fiel, die ihm Giovanni, der Besitzer des Ladens gegeben hatte. Grünberg blieb stehen und klopfte die Brusttasche seines Hemdes ab. Als er den ersten Zug der Zigarette inhalierte, nahm er den seifig abgestandenen Geruch von Spülwasser war, der seine Hände umgab.
Er verfluchte Giovanni und das Lokal und setzte sich langsam in Bewegung. Er schlenderte über den dunklen Hof auf das Tor zu, in dessen Schatten er fast völlig verschwand. Als er das Tor erreichte, löste sich aus einer Ecke ein Schatten und glitt lautlos zu den Fleischresten hinüber, die schwach vom Mondlicht beschienen auf dem Boden lagen.
Grünberg trat hinaus auf die Straße und wandte sich um. Ein leichter Wind ging zwischen den Häusern und hatte bald den abgestandenen Küchendunst fortgenommen. Er war müde und abgespannt.
Wenn die ersten Sonnenstrahlen die Luft erwärmten, waren die Leute wie ausgewechselt. Sie kamen zuhauf in das Lokal. Sie waren fröhlich, laut und großmütig, und scheuchten die Kellner mit Bestellungen, wie mechanische Hampelmänner hin und her, daß sie Mühe hatten, ein Lächeln zu bewahren. Er hatte seine Arbeit erledigt, ohne daß ihm ein Fehler unterlaufen war. Das stimmte ihn zufrieden.
Als er in die Hauptstraße einbog, färbte sich der Himmel aschfahl. Verlassen lag sie da und schlief. Alles war ruhig, nichts verriet die Geschäftigkeit, die in wenigen Stunden losbrechen würde. Müde schlenderte er dahin und rauchte.
Vielleicht sollte er noch irgendwo ein Bier nehmen.
Ein paar Schritte vor ihm wurde die Tür zu einem Klub aufgestoßen. Lärmende Musik und die abgestandene Hitze geschlossener Räume hüllte ihn in eine dumpfe, stickige Wolke. Eine junge, ansehnliche Frau stolperte die Stufen herab und fiel, bevor Grünberg hinzutreten konnte, auf den Gehweg.
Schnell sprang er zu ihr und half ihr auf.
Sie murmelte etwas Unverständliches und hielt sich an seinem Arm fest.
“Alles in Ordnung?” fragte er, als sie sich aufgerichtet hatte.
“Aber ja doch”, antwortete sie und blickte ihn aus großen Augen an. “Würden Sie mit mir etwas trinken?”
“Warum nicht”, sagte er und lächelnd zog sie ihn mit sich fort.
“Haben Sie’s sehr eilig?” Grünberg stolperte neben ihr her.
“Spüren Sie den Atem der Welt?” fragte sie lächelnd.
“Ich spüre nur meine Beine”, antwortete Grünberg lasch.
“Was haben Sie die ganze Nacht getrieben?”
“Ich hab bei Giovanni`s in der Küche gestanden.”
“Das tut mir leid”, sagte sie und es klang ehrlich.
Sie schlenkerte leicht an seinem Arm und schien sich nur mit Mühe gerade zu halten. Sie war betrunken. Allmählich wurde Grünberg die Sache klar.
“Da war wohl nichts zu machen?” fragte er und deutete mit einem Kopfnicken hinter sich.
“Ach”, stöhnte sie und winkte ab. “Es ist langweilig und lächerlich.”
Verärgert stieß sie nach einer leeren Coladose, die scheppernd über den Gehsteig rollte.
Als sie an einer Kneipe vorüber kamen, die ihr schmutzig-gelbes Licht auf den Asphalt warf, blieb sie unvermittelt stehen.
“Das ist genau das, was wir jetzt brauchen”, sagte sie und zog ihn durch die offene Tür ins Innere.
Sie setzten sich auf Barhocker und bestellten Bier.
“Der Mann hinterm Tresen sieht ja furchtbar aus”, flüsterte sie Grünberg leise ins Ohr und rutschte vom Hocker.
Fragend blickte er sie an.
“Ich muß mal”, meinte sie und schwankte durch den Raum auf eine Hintertür zu.
Sie hatte recht, der Typ hinterm Tresen machte eine traurige Gestalt. Sein abgehärmtes Gesicht hatte eine blasse kränkliche Farbe, und er zitterte, als er das Glas unter den Zapfhahn hielt.
So sieht man aus, wenn man sich die Nacht für die Süchtigen um die Ohren schlägt. Grünberg hatte nichts dagegen einzuwenden, aber irgendwie haftete all dem eine ganze Menge Schmutz an. Es war die Sucht, die die Langeweile hervorbringt, die Sucht nach einer lauteren Fröhlichkeit, nach amourösen Abenteuern. Es war die Suche nach einer ganzen Welt für eine einzige Nacht, was die Sache so abscheulich machte. Ihm kamen ihre Worte wieder in den Sinn, vom Atem der Welt. Er dachte an Liebe und Geburt, und er fragte sich, ob die Gier, die im Frühling die Bäuche befällt etwas damit zu tun hatte.
Als sie von der Toilette zurückkam, spürte Grünberg ihren Blick im Nacken.
Mit einiger Mühe schwang sie sich auf den Hocker und sah ihn an.
“Na”, fragte sie lächelnd, “hat Sie noch niemand unter den Arm geklemmt und fortgeschleppt?”
“Sie reden”, meinte er, “als seinen wir hier auf einem Marktplatz.”
“Och, sind Sie jetzt beleidigt?”
“Warum?” fragte er und nahm einen Schluck. Er wischte sich den Schaum vom Mund und lächelte.
Oh, er wußte ganz gut wie es weiterging, ein Pieckser da, eine zuckersüße Schmeichelei hier, und am nächsten Morgen fühlt man sich, als ob man stundenlang baden müsse.
“Sie sind klug und zielstrebig”, sagte er lächelnd.
Müde hob sie den Kopf und grinste.
“Mathild”, sagte sie und blickte ihn an. “Und, reicht das nicht?”
“Paul”, erwiderte Grünberg und gab ihr die Hand. “Sie haben etwas Wichtiges vergessen.”
“So, was denn?” Sie hatte den Kopf in ihre Hand gestützt und sah ihn schief an.
“Die Liebe.”
Für einige Sekunden schien sie verwirrt, dann prustete sie los. Ihr Lachen klang heiser und kehlig, und es schien sie anzustrengen.
“Wie nennst du das denn, wenn zwei Menschen zusammen unter eine Decke kriechen?”
“Paarung”, sagte er gelassen, “Lust, Gier, Brutalität und Machtkampf, Opfergang.”
Bei seinen Worten richtete sie sich gerade auf. Sie hielt die Lider mit den schön gebogenen Wimpern geschlossen und spitzte die aufgeworfenen Lippen. Unter dem dünnen Stoff ihres T-Shirts zeichneten sich ihre Brüste ab, deren Spitzen wie Nadeln in die Luft stachen. Grünberg hatte einige Mühe seinen Blick von ihr zu wenden.
Allzuoft war er an dieser Stelle gestrauchelt. Es hatte ihm Spaß gemacht, auch ohne Liebe. Es hatte ihm Spaß gemacht, mit Frauen zu schlafen, und es hatte ihm Spaß gemacht, sie zum Weinen zu bringen, wenn alles vorbei war. Er hatte wie ein Tier gelebt, dessen Gedanken allein nach seinen Trieben ausgerichtet war. Und jetzt saß er da, mit einer schönen, betrunkenen Frau an seiner Seite und versuchte, aus dem Schlammloch, in dem er steckte, wieder herauszukommen. Es berührte ihn schmerzlich, ihren warmen Körper neben sich zu wissen, den Duft ihres Haares zu wittern und ihre ebenmäßig schimmernde Haut zu sehen.
Grünberg zwang sich, geradeaus zu blicken. Im Spiegel hinterm Tresen sah er ihr müdes Gesicht. Sie schien keine von diesen Frauen zu sein, die hektisch und unausgeglichen ihre Nasen in die Luft stießen, immer auf dem Sprung nach einer neuen und besseren Chance. Keine von denen, die ihr Verständnis für die Welt plötzlich ablegten, wenn es nicht mehr von Vorteil war.
Ihr schönes Gesicht strahlte Ruhe aus. Die kleinen Fältchen um ihre Augen schienen sie ständig lächeln zu lassen, auch wenn ihre Lippen nichts davon verrieten. Grünberg bemerkte einige Sommersprossen, die sich wie versprengte Sterne über ihre kleine Nase zogen. Die Müdigkeit hatte dunkle Schluchten unter ihre Augen gegraben. Sie mußte schon lange unterwegs gewesen sein. Die Schminke war am Auge verlaufen und die Anstrengungen des nächtlichen Vergnügens hatten ihr weiße Ränder unter die Achseln gezeichnet.
Grünberg überlegte, ob er sie nach Hause bringen sollte. Es ärgerte ihn, sich darüber Gedanken machen zu müssen. Er konnte sie ebensogut in ein Taxi setzten, oder einfach sein Bier bezahlen und gehen. Die Tatsache, daß er ihr aufgeholfen hatte, hatte schließlich nichts damit zu tun, daß er sich um sie kümmern mußte.
“Hat es dir die Sprache verschlagen?”
“Soll ich Sie nicht lieber nach Hause bringen?”
“Danke, ich will nicht nach Hause.”
Grünberg sah sich um. Die Kneipe war nur spärlich besetzt. Einsame Männer sinnierten vor ihren Gläsern und blickten von Zeit zu Zeit auf, um nichts zu verpassen.
Sie bestellte Wodka, und aus einer schattigen Ecke löste sich eine Gestalt und trat schwankend ins Licht.
Grünberg fühlte sich unwohl. Der Mann war untersetzt und massig. Seine fleischigen Hände ruderten unbeholfen durch die Luft und suchten nach einem Halt. Er hielt die engstehenden Augen zusammengekniffen, und unter den wulstigen Lidern funkelte es dunkel und gierig.
“Für mich auch einen”, lallte er und stützte sich schwankend auf die Bar.
“Du hast genug”, brummte der Mann hinter der Theke und machte keine Anstalten, ein weiteres Glas zu füllen.
“Warum läßt du einen Mann nicht wie einen Mann feiern?” Mathild blinzelte grinsend in Richtung des Schnapsregals. Sie nahm ihr Glas, schlug es auf die Theke und stürzte es in einem Zug hinunter.
“Die Dame hat völlig recht”, gurgelte der Mann und schob sich unbeholfen neben sie. “Wer nicht feiert, lebt nicht.” Er drängte sich heran und legte vertrauensvoll seine schwere Hand auf ihr Knie.
“Noch mal dasselbe!” rief Mathild und stellte ihr Glas verkehrt herum auf die Bar.
Der Wirt langte nach der Flasche und goß ein.
“Und du?” fragte er und trat an Grünberg heran. Er nickte gedankenlos und sah zu dem Mann herüber.
“Weißt du, wo der Nabel der Welt ist?”
Unruhig trommelte er mit seinen dicken Fingern auf die Bar.
“Nein”, sagte der Mann und stierte ihr auf die Brust.
Sie lächelte versonnen, hob ihr T-Shirt und ließ das Funkeln eines Steines sehen, der aus der Mitte ihres Bauches aufblitzte. Der Mann langte nach ihrem Arm und wischte dabei ein paar Bierpfützen auf.
Mathild schob ihn beiseite und trank.
“Ein Typ, der zu voll ist, um an der Bar zu trinken lebt auch nicht”, sagte sie und blickte dem Mann ins Gesicht.
Mit offenem Mund stand er da und starrte sie an.
“Ich kann dir was zeigen, das noch sehr lebendig ist”, sagte er und versuchte, seine Hand auf ihre Schulter zu legen. Sie langte hinter die Bar, und die Hand des Mannes rutschte auf ihre Hüfte herab.
Grünberg leerte sein Glas und schob es neben das ihre.
Mathild hob den Kopf, sah Grünberg grinsend an und schenkte ein.
“Salute!” rief sie, donnerte ihr Glas auf die Bar und stürzte es hinunter.
Grünberg ließ seinen Kopf in den Nacken fallen und trank. Als er den Kopf wieder hochnahm, sah er, wie der Mann sie zu küssen versuchte.
“Es reicht”, sagte Grünberg und stieß den Mann an der Schulter zurück.
Er taumelte, fing sich wieder und schwankte.
“Was willst du denn?” lallte er und ruderte mit den Armen.
Grünberg ließ sich vom Hocker gleiten, trat einen Schritt vor und haute ihm seine Rechte auf die Schläfe.
Er wankte, schien sich zu fangen und sackte mit einem Ruck weg.
“Bravo!” rief Mathild und klatschte.
Sie kippte ihr Glas hinunter und warf es auf den Boden.
Grünberg drehte sich weg. Er griff nach der Flasche, schenkte ein und trank. Er stellte das Glas ab, goß sich nochmals ein, schraubte die Flasche zu und stellte sie hinter die Theke.
“Und ich?” Mathild schob ihr Glas herüber.
“Es reicht”, sagte Grünberg und trank aus.
“Was wird nun aus dem?” Finster blickte der Kneipier zu ihnen herüber.
“Der kommt wieder zu sich.”
Grünberg ging zu dem Mann hinüber und versuchte ihn aufzuheben. Er hatte die Besinnung verloren und rutschte weg. Der Wirt kam hinter der Bar vor und packte ihn bei den Beinen. Gemeinsam legten sie ihn auf eine Bank. Grünberg holte Wasser und goß es dem Mann ins Gesicht.
Er kramte einen Schein aus der Taschen und legte ihn auf die Bar. Dann griff er nach Mathilds Arm, zog sie vom Hocker und schob sie hinaus auf die Straße.
Die Sonne stand noch nicht über den Dächern. Mit einem verstimmten Brummen kniff sie die Augen zusammen.
“Warum sind wir nicht geblieben, es war so schön dunkel.”
Ohne zu antworten winkte er ein Taxi heran, öffnete die Tür und schob sie hinein.
“Aua!” rief sie, “du tust mir weh.”
“Ich bitte vielmals um Verzeihung.” Er schlug die Tür zu, ging um den Wagen herum und stieg ein.
“Wo wohnst du?” Sie nannte dem Fahrer eine Adresse und ließ den Kopf sinken.
Der Fahrer wendete und reihte sich in den spärlichen Morgenverkehr ein.
Mathild hatte ihren Kopf an seine Schulter gelehnt und schien zu schlafen. Grünberg sah aus dem Fenster. Auf den Straßen brach sich das Licht der aufgehenden Sonne und glitzerte im Tau, der in den Morgenstunden gefallen war.
Grünberg fühlte sich unwohl. Der ganze Schlamassel hatte ihm ordentlich zugesetzt. Der Kerl wird schöne Kopfschmerzen haben, wenn er morgen aufwachte. Aber schließlich war es nicht seine Schuld, wenn man bis zum Hals im Schlamm steckt, sollte man nicht nach den Sternen greifen.
Was für eine Welt, Grünberg schluckte angewidert. Das ganze Drama schien einem Veitstanz gleichzukommen. Man schmeichelte, man lockte, machte Versprechungen, nur um gierig ein wenig Wärme zu spüren, dann suhlte man sich im Fleische und wenn es ranzig geworden war, warf man es einfach weg. Ihm wurde übel. Er ekelte sich vor dem verlegenen Lachen, wenn man fortging, der großen Lebenslüge vor dem geheuchelten Vertrauen. Es war, als ob man einen Baum beschnitt, der noch viel zu jung war, man verunstaltete ihn, man machte ihn zum Krüppel, und keiner war bereit, die Zeche zu zahlen.
Er lehnte die Stirn an das kühle Glas des Wagenfensters und döste vor sich hin. Die Musik aus dem Radio lullte ihn langsam ein, und er merkte, wie müde er war.
Der Chauffeur brachte den Wagen zum Stehen und drückte auf das Taxameter. Grünberg rüttelte an ihrer Schulter und Mathild öffnete verschlafen die Augen.
Sie war sehr schön, wie sie langsam die Augen rieb, um den Mantel der Schläfrigkeit abzustreifen.
Grünberg reichte dem Fahrer das Geld und stieß die Wagentür auf. Er stieg aus, ging auf die andere Seite und half Mathild heraus. Der Fahrer reichte das Wechselgeld durchs Fenster, bedankte sich und steuerte den Wagen langsam in die Mitte der Fahrbahn.
Mathild hakte sich unter und zog ihn durch eine quietschende Tür in einen kalten, dunklen Flur. Sie gingen auf die Treppen zu und Grünberg schob sie die Stufen hinauf. Im vierten Stock blieb sie stehen und kramte in ihrer Tasche. Umständlich zog sie ihre Hand heraus. Als sie nach dem passenden Schlüssel suchte, fiel der Bund klirrend zu Boden. Grünberg bückte sich und laß ihn auf. Er probierte ein wenig und stieß die Tür zu ihrer Wohnung auf. Schwankend bewegte sie sich vorwärts und stolperte. Er fing sie auf und trug sie den Flur entlang zum Wohnzimmer, wo er sie auf die Couch fallen ließ. Er zog ihr die Schuhe aus, nahm eine Decke vom Sessel und legte sie über sie.
Dann ging er in die Küche, öffnete den Kühlschrank und nahm ein Bier heraus. Er stellte sich ans Fenster und sah hinunter in den schmutzig grauen Hof, der sich allmählich mit Licht zu füllen begann. Was für ein Tag. Er ließ das Bier stehen, und machte sich auf den Heimweg.

Kühl und klar legte sich der Morgen über die Stadt. Er hüllte Grünberg in seine frische Lebendigkeit und brachte unter der schleierhaften Dämmerung der Nacht die Belanglosigkeit seines Strebens zum Vorschein. Die Zeit tropfte wie Wasser, bis alles zersetzt und in die Endlosigkeit entlassen war. Die Welt drehte sich im Gleichmaß, wie der müde Takt seiner Schritte ihn über den Gehweg trug.
Die Nacht fiel von ihm ab. Er hatte sich nichts vorzuwerfen, alles kam, wie es kommen mußte.
Als Grünberg in seine Straße einbog, stolperte er über die langgestreckten Beine eines jungen Mädchens. Sie saß auf einer Bank zwischen den gelben Blüten zweier Ginsterbüsche und hielt die Augen geschlossen.
“Hoppla”, sagte sie lächelnd und zog ihre Beine zurück.
“Was machst du denn um diese Zeit auf der Straße?” Grünberg blieb stehen und sah sie an.
“Die Kunst des Daseins besteht in der richtigen Zeiteinteilung”, sagte sie gelassen und erhob sich.
Beide liefen langsam zusammen weiter.
“Ich habe auf dich gewartet”, sagte sie und blinzelte.
“Ist was passiert?” Grünberg blieb stehen und suchte nach Zigaretten.
“Das übliche, wenn man unter der Herrschaft eines Vorstehhundes lebt. Ich wollte ausgehen, mich mit meinem Freund treffen, war aber nix. Ich sei zu jung für sowas.”
“Immerhin ist er dein Vater, er ist verantwortlich.”
Grünberg stieß den Rauch seiner Zigarette geräuschvoll in die Luft.
“Männer haben doch keine Ahnung vom Seelenleben einer Frau.”
“Eines Mädchens”, verbesserte er.
“Na und? Schlafen kann ich trotzdem nicht, wenn ich an die Liebe denke.”
Sie blieb plötzlich stehen.
“Weißt du”, rief sie aufgeregt, “ich hab mich von ihm küssen lassen, heimlich im Park, bei den drei Linden.”
“Und?” fragte Grünberg und zuckte die Achseln. “Kann er küssen?”
“Oh!” rief sie. “Er ist der Beste!” Dabei hüpfte sie auf der Stelle und wackelte mit dem Kopf.
“Es war ein hartes Stück Arbeit ihn soweit zu bringen, er ist sehr schüchtern.”
“Was macht es dann so spannend, wenn du ihm alles zeigen mußt?”
“Du solltest ihn hören, wenn wir spazieren gehen, wenn er meine Hand hält oder vorsichtig meinen Kopf streichelt. Er ist so lieb, ich vertraue ihm.” Dabei breitete sie ihre Arme aus, als wollte sie die Welt umschlingen.
“Es ist traurig und gemein, wider seiner Liebe leben zu müssen”, sagte sie. “Es ist ein Grund, sich das Leben zu nehmen.”
Grünberg blickte sie nachdenklich an. Ein zwölfjähriges Mädchen, mit blondem, kurzgeschnittenem Haar und rotwangigem Gesicht. Ein Backfisch, in dem die Leidenschaft mit solcher Klarheit tobte, daß sie schon jetzt fühlte, wie kalt und leer das Leben ohne Liebe war.
“Du wirst dich noch viele Male verlieben. Das Leben ist länger als du denkst.”
Sie blieb stehen und sah ihn an.
“Du redest wie mein Alter”, sagte sie. “Das Leben ist lang, du hast noch Zeit, schmeiß dich nicht weg, bla bla bla! Aber ich fühle heute schon, mein Herz pocht, wenn ich ihn sehe und nicht erst in fünf Jahren! Weiß ich denn, ob es später noch genauso ist?”
Grünberg blieb vor der Haustür zu seiner Wohnung stehen.
“Die Liebe ändert sich nicht”, sagte er ruhig. “Es wird immer so sein.”
“Und jetzt!” rief sie aufgebracht. “Jetzt soll ich sie verwelken lassen?”
“Ach Jenny. Die Kunst des Daseins liegt in der richtigen Zeiteinteilung.”
“Das sagst du so einfach.”
“Du wirst sehen”, sagte er. “Es wird alles gut.”
“Naja”, meinte sie achselzuckend, wobei sich ihre Unterlippe vorschob. “Ich treffe ihn heut Nachmittag, heimlich.”
“Na, siehst du, deine Liebe kann dir niemand wegnehmen.”
“Und Romeo und Julia, Piere und Luce, Jeronimo und Dona Josephe und all die anderen, die an ihrer Liebe gestorben sind?”
“Oh, Jenny, ich bin müde. Ich muß schlafen.”
“Ja, ja”, rief sie. “Nie hört mir jemand zu, dabei ist es wichtig.”
Sie lächelte und drückte ihm einen Kuß auf die Wange.
“Schlaf schön und Träum was Aufregendes.”
“Besser nicht”, meinte er und drehte sich um. “Bis dann!”
Müde stieg Grünberg die Stufen zu seiner Wohnung hinauf.
Wird wirklich alles gut, oder hatte er ihr nur eine Illusion versprochen? Warum machte er ihr das glauben, wenn er doch nur die Abscheulichkeit fleischgewordener Lust empfand?
Grünberg tröstete sich. Schließlich würde aus Jenny eine starke Frau werden, deren Körper darauf ausgerichtet war, Kinder zu schenken, die das Leben vorantreiben und besser machen würden.
Er öffnete die Wohnungstür und ging ohne abzulegen in sein Schlafzimmer. Er zog die Vorhänge zu und ließ sich auf das Bett fallen. Er streifte die Schuhe ab, zog im Liegen Hemd und Hose aus und rollte sich zur Seite. Nach kurzer Zeit war er eingeschlafen und atmete ruhig, in gleichmäßigen Zügen.

Als Grünberg am nächsten Abend in seiner Küche stand, schwitzte er gehörig. Es war einer dieser schwül-heißen Abende, die sich endlos hinzogen, bevor der Regen endlich die ersehnte Abkühlung brachte.
Die Leute waren gereizt. Die Kellner mußten einige Bestellungen zurückbringen, über die sich Gäste beschwert hatten. Schweigend und schwitzend hörte sich Grünberg das Genörgel an und fuhr fort, seine Arbeit zu erledigen. Die Spülmaschine dampfte und verbreitete den Geruch nach aufgeweichten Resten. Grünberg wirbelte zwischen Töpfen und Tellern umher, ohne sich eine Pause zu gönnen. Er überlegte, wie lange er diesen Job noch machen müsse. Er hatte die Schnauze gestrichen voll. Der Dampf trieb ihm den brennenden Schweiß in die Augen und Grünberg fluchte.
Gegen Mitternacht wurde es ruhiger. Die Leute waren satt, tranken ihren Wein und redeten. Grünberg trat auf den Hof, um zu rauchen. Die zerzauste, einäugige Katze strich um die Mülltonnen und schnurrte.
“Ein Weilchen mußt du dich noch gedulden.”
Grünberg schnippte die Kippe über den Hof und ging wieder hinein, wo er begann, die dreckigen Töpfe und Pfannen einzuordnen. Als es an die Hintertür klopfte, wischte er sich die Hände an seiner Schürze trocken und öffnete.
“Ich dachte, ich komme mich bedanken.” Die Gestalt im Dunklen sprach mit einer rauhen, zerkratzen Stimme. Als sie näher trat, traute Grünberg seinen Augen kaum. Das kurze dunkle Haar stand wie dicke Antennen vom Kopf ab. Der Wind schmiegte das leichte Baumwollkleid an ihre schlanken Beine und umspielte sanft ihre zarte Gestalt. Aus großen, runden Augen sah Mathild ihn verlegen an, als ein greller Blitz den Himmel erleuchtete und mit lautem Donner der Regen begann.